Die Tochter des Waldarbeiters

Im Norden dieser Welt gibt es nur Winter und Kälte. Nur wenige Menschen leben hier im ewigen Schnee, im täglichen eisigen Sturm, in den Wäldern und den wilden Tieren. Für jeden der Waldarbeiter ist es ein hartes Leben. Ihre Häuser sind schlicht aus Holz gebaut, dunkel und rauchig. Ein Bett, ein Hocker, ein Tisch. Jeder lebt ein kurzes, armes Leben.

Für die Waldarbeiter im Hochland ist der Teufel so real wie du oder ich, sie sehen ihn oft auf den Friedhöfen, jenen trostlosen und berührenden Plätzen der Toten, wo die Gräber mit Portraits der Verstorbenen markiert sind und keine Blumen vor ihnen stehen, keine Blumen blühen können. Um Mitternacht hält der Teufel Picknicks auf den Friedhöfen und lädt die Hexen ein, sich an den Toten zu sättigen. Knoblauchkränze an den Türen halten die Vampire fern. Und wenn eine Hexe, eine dieser alten warzigen Frauen, entdeckt wird, so sagt die Legende, muss sie zu Tode gesteinigt werden.

* * *

„Geh und besuche Imka, deine Großmutter. Nimm für sie Haferkekse mit, die ich gebacken habe, und einen kleinen Topf Butter.“

Enisa tat, was ihre Mutter sagte: „Eine Stunde geht es durch den Wald. Verlasse niemals den Weg! Die Bären, Wildschweine und Wölfe sind hungrig. Hier, nimm das Jagdmesser deines Vaters. Du weißt, wie man es benutzt.“

Das gute Kind trug einen Mantel aus Schaffell, um die Kälte fernzuhalten. Sie kannte den Wald zu gut, um ihn zu fürchten, aber sie musste immer auf der Hut sein. Als sie auf der Hälfte des Weges das eiskalte Heulen eines Wolfes hörte, ließ sie den Korb fallen. Ein riesiger Wolf mit roten Augen stand plötzlich vor ihr. Jedes Kind wäre vor Schreck gestorben, aber sie, die unerschrockene Tochter eines Waldarbeiters, ergriff das Messer und wandte sich gegen das Tier, das ihr an die Kehle wollte. Enisa schlug einmal mit dem Messer aus und trennte seine rechte Vorderpfote ab.

Der Wolf ließ einen Schluchzer hören, als er sah, was mit ihm geschehen war. Mutlos trollte er sich, so gut es ging, auf drei Beinen zwischen die Bäume und hinterließ eine Blutspur. Enisa wischte die Klinge ihres Messers auf ihrer Schürze ab, wickelte die Wolfspfote in das Tuch, in das ihre Mutter die Haferkekse gepackt hatte, und ging weiter zum Haus ihrer Großmutter. Bald fiel der Schnee so dicht, dass der Weg schwer zu finden war.

Enisa fand ihre Großmutter krank im Bett vor, sie war in einen unruhigen Schlaf gefallen. Sie stöhnte und zitterte, und das Kind ahnte, dass Großmutter im Fieber lag. Ihre Stirn brannte, und Enisa holte das Tuch aus ihrem Korb, um der alten Frau eine kalte Kompresse zu machen. Die Pfote fiel auf den Boden, aber es war nicht mehr die Pfote eines Wolfes. Es war eine Hand, die am Handgelenk abgehackt war. Eine menschliche Hand, die durch schwere Arbeit gezeichnet war. Da war ein Ring am Mittelfinger, und am Zeigefinger befand sich eine Warze.

Enisa erkannte die Hand ihrer Großmutter. Das Kind zog das Laken zurück, aber die alte Frau wachte auf und begann zu kreischen. Sie kreischte wie eine Besessene. Enisa war stark und konnte ihre Großmutter lange genug festhalten, um die Ursache ihres Fiebers zu erkennen. Da war ein blutiger Stumpf anstelle ihrer rechten Hand.

Das Kind bekreuzigte sich und schrie so laut, dass Nachbarn sie hörten und hereinstürmten. Sie erkannten die Warze auf der abgehackten Hand. Es war die Warze einer Hexe … und alle, Männer und Frauen, trieben die alte Frau, so wie sie war, mit Stöcken in den Schnee, schlugen ihren alten Körper bis an den Waldrand und peitschten sie mit Steinen, bis sie tot war.

 

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2 Kommentare zu „Die Tochter des Waldarbeiters

  1. Eine Art, das Märchen vom Rotkäppchen umzuschreiben. Interessant.
    Wenn die Großmutter eine Hexe ist, was macht das dann mit ihren Nachkommen? Diese Frage drängte sich mir am Ende auf.

    Gefällt mir

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