Truck im Nebel

Josh war zu früh. Sein Termin beim Physiotherapeuten war um neun, noch hatte er eine halbe Stunde Zeit. Josh ging wieder nach draußen, der Warteraum war klein und bereits gut belegt. Die Dame an der Anmeldung hatte ihn registriert, sie wusste Bescheid.

Draußen war es kühl und neblig. Gelangweilt ging Josh zum Parkplatz, wo sein Wagen stand. Was sollte er schon machen in der Peripherie der Großstadt, als sich die Beine zu vertreten? Bewegung hatte ihm sein Arzt verordnet. Hier im Außenbezirk waren keine Geschäfte, nur Büros und Lagerhäuser. Ein paar Transporter fuhren hin und her, Menschen waren kaum zu sehen. Niemand, den er nach der Uhrzeit fragen könnte, um ein Gespräch zu beginnen.

Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Gelände, eine Spedition vielleicht, auf dem einsam ein Truck stand. Trucks dieser Art kannte Josh nur aus Roadmovies, hier in Deutschland waren diese Transporter nie zu sehen. Auf der offenen Ladefläche des Sattelzuges befanden sich kurze Röhren, die aufrecht standen. Mit ihrer schwarz-rot-gelben Lackierung sahen diese Konstruktionen aus wie Schornsteine für ein Passagierschiff unter deutscher Flagge. Einige Röhren hatten seltsame Kappen auf, andere an der Außenseite Ausbuchtungen oder Schlitze, die wie Nasen oder Münder aussahen. Mit viel Vorstellungskraft konnte Josh sich metallene Köpfe vorstellen, die dort transportiert wurden.

Josh ging näher an den gelben Truck heran. Die Beifahrertür stand offen und er war neugierig geworden. Drei Gitterstufen führten einladend ins Fahrerhaus, zu gerne hätte er einmal drin gesessen. Josh schaute sich zaghaft um, umrundete dann den Truck, um zu sehen, ob sich irgendwo jemand befand. Keine Menschenseele war auf dem überschaubaren Gelände. Mit wenigen Schritten eilte Josh zur Beifahrertür und hievte sich hoch in die Kabine. Vor zehn Jahren saß er zum letzten Mal in einem Lkw. Dieser Truck hier war nicht vergleichbar mit den Transportern, die er damals gefahren hatte.

Er genoss es, wie ein König oben im Fahrerhaus zu sitzen. Joshs Blick wanderte über die verchromten Armaturen, dann wandte er sich der Beifahrertür zu, die er mit einem Ruck zuzog. Ein ähnlich dumpfes Türgeräusch ertönte nun auch von der linken Seite und der Motor lief an. Völlig unvermittelt setzte sich der Truck in Bewegung, fuhr auf die Straße und beschleunigte kraftvoll stadtauswärts. Josh starrte wie paralysiert auf die Frontscheibe und bemerkte erst Sekunden später, dass ein Fahrer neben ihm saß, der den Truck zum Autobahnzubringer steuerte. Zum Aussteigen war es viel zu spät, der Truck wurde schneller und schneller. Josh rief dem Fahrer zu, dass er anhalten solle, aber er ignorierte alle Geschwindigkeitsbegrenzungen. Der Mann reagierte überhaupt nicht, stattdessen bog er mit hoher Geschwindigkeit auf die neblige Autobahn. Josh wurde durch die Fliehkraft gegen die Beifahrertür gepresst. War dieser Wahnsinnige auf Amokfahrt? Die Ladung musste er doch längst verloren haben.

Der Truck steuerte jetzt auf einen Lkw zu, der sich mehrere hundert Meter vor ihnen befand. Josh konnte es nicht fassen: Der Fahrer wollte nicht überholen, sondern den Lkw rammen. Konnte Josh den Fahrer noch daran hindern? Sollte er ihm ins Lenkrad greifen? Josh war erst 38 und wollte noch nicht sterben. Die Geschwindigkeit war zu hoch, um eingreifen zu können. Josh ergab sich seinem Schicksal, es blieb weder Zeit zum Überlegen noch zum Überleben. Kurz bevor die zwei Fahrzeuge kollidierten, nahm Josh mit geschlossenen Augen einen Blitz wahr. Das Brummen des Motors verstummte nicht. Als Josh seine Augen öffnete, war der Lkw verschwunden. Aber nun tauchten zwei andere Fahrzeuge auf, die der Truck bald einholen würde.

Josh ließ seine Augen geöffnet, als der Truck in das nächste Fahrzeug hineinfuhr. Es wurde einfach mit einem hellen Blitz zur Seite gekickt. Dem nächsten Fahrzeug widerfuhr das gleiche Schicksal. Kein spürbarer Aufprall, kein anderes Geräusch außer dem Donnern des Motors. Minutenlang wurden weitere Fahrzeuge, Pkws wie Lkws, von der Fahrbahn gestoßen. Ungläubig verfolgte Josh das Geschehen, immer wieder die Blicke wechselnd zwischen Fahrer und Außenwelt.

Aus einem versteckten Lautsprecher quakte es: „Macht es dir keinen Spaß?“ Das Motorengeräusch erstarb, die Glasscheiben des Trucks wurden schwarz und in der Kabine ging das Licht an. Jemand riss die Tür von außen auf und lachte Josh aus. „Du bist hier auf einem privaten Trainingsgelände. Mach, dass du rauskommst!“ Mit wackligen Beinen kletterte Josh aus dem Truck, der immer noch auf dem Gelände im Industriegebiet stand. Josh hatte verstanden: Er hatte sich in einem Fahrsimulator befunden. Kopfschüttelnd sah er zwei Männer an, die grinsend neben dem Truck standen. Es war jetzt kurz vor neun Uhr. Zeit, die Straßenseite zu wechseln. Zum Physiotherapeuten, den er jetzt bitter nötig brauchte.

 

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