Nachtwache auf den Inseln

Koqraipe holt noch einmal aus, um das kleine Netz ins Wasser zu schleudern. Seit die motorisierten Schiffe zu diesen Inseln kommen, muss er jede Woche weiter auf das Meer hinausfahren. Die „Neuen“ verderben ihm und auch allen Mitbewohnern der kleinen Inselkette die Mahlzeit und den Spaß am Leben.

Die 358 Einwohner lebten hier bis vor zwei Jahren fast abgeschieden von der Zivilisation – bis diese „Investoren“ auftauchten, die dem Prinzipal die zwölfte Insel abkauften, ein bis dato unbewohnt gebliebenes Stück Natur. Nun wurde dort schnell gerodet, planiert und betoniert, ein Flugplatz gebaut, ein Hafen angelegt und eine Reihe von Hotels aus dem Boden gestampft. Strand für die urlaubsreifen Zivilisierten war dort mehr als genug vorhanden. Bis heute aber wird die zwölfte Insel von den 358 Taloanern gemieden: Eine Erzählung aus alter Zeit enthält eine dunkle Prophezeiung, die den Untergang von Vanaitam ankündigt. Wann diese Katastrophe das Ende der zwölften Insel bedeuten soll, ist den Inselbewohnern aber nicht überliefert worden.

Koqraipe kennt jede der elf bewohnten Inseln, und jeden ihrer Bewohner. Jede Geburt feiern die Taloaner zusammen. Jedes Liebesbündnis wird festlich begangen und jeder Todesfall gemeinsam betrauert. Die Taloaner sind eine große, unzertrennliche Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig helfen, in der jeder jeden respektiert. In den vielen vergangenen Generationen soll es nur einen Streitfall gegeben haben. Die Prophezeiung, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, berichtet von einem Fanatiker, der ohne Boot und ohne seine Habe auf Vanaitam ausgesetzt wurde. Dort, auf Vanaitam, soll das Böse bleiben. Es soll sich nicht vermehren und Vanaitam soll untergehen. So erzählt man sich es immer und immer wieder.

Der Fischfang bringt kaum noch etwas ein, nur wenige Fische kommen in die Nähe der Inseln. Weder Koqraipe noch seine Brüder und Schwestern werden genug in den Töpfen haben. Tagsüber fahren die Motorschiffe zwischen den Inseln umher, auch zertrampeln die Touristen die mühsam angelegten Felder. Kein Taloaner kann den Fremden erklären, dass sie sich von den Feldern fernhalten sollen. Sie werden sich nicht verstehen. Erschöpft und hungrig legt sich Koqraipe auf sein Ruhelager. Möge der Allmächtige den Taloanern beistehen und der Prinzipal eine Lösung finden.

Wochen vergehen. Koqraipe und die anderen Fischer sind nun viele Tage und Nächte in einem Stück unterwegs. Sie wagen sich immer weiter hinaus aufs Meer, schlafen in ihren Nussschalen, die sie stolz Fischerboote nennen. Einige kehren nicht mehr nach Hause zurück, sie haben sich verirrt oder sind bei Wind und Wetter gekentert. Der Prinzipal konnte sich mit den Eigentümern von Vanaitam zunächst nicht einigen: „Man kann doch keinen Zaun auf dem Wasser errichten“, hieß es da. Aber nun hat man Zäune für die Felder bereitgestellt, und man wird Leuchttürme errichten auf den Inseln, damit die Fischer leichter nach Hause zurückfinden.

Der Prinzipal wird dann Wächter benennen, die auf den Leuchttürmen das Feuer in Gang halten, denn Strom gibt es noch nicht auf den Inseln von Taloa. Aber auch dafür wird gesorgt werden. Und die Fischer werden zurückfinden und reiche Beute bringen, und wenn der Allmächtige es will, werden auch die Fische zurückkommen, angelockt durch das nächtliche Feuer.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s