Traumdiebe

Paul ist einer der Diebe. Er ist ein Traumdieb. Genauer gesagt, einer der Traumwortdiebe.

Da steht Paul Tag und Nacht in seinem Traumlabor mit dem Traumwortfangnetz und fängt einzelne Worte der geträumten Tagträume und Nachtträume anderer ein. So können die träumenden Erwachsenen ihre Träume nicht mehr wiedergeben, weil ihnen die Worte gestohlen wurden. Nur träumende Kinder sind in der Lage, ihre Träume in vollem Umfang den anderen zu erzählen.

Nach jeder zweiten Stunde setzt Paul die den Träumern gestohlenen Worte in seiner Traumwortwerkstatt zu Geschichten zusammen, oder zu Gedichten. Er zählt die Worte, katalogisiert und archiviert sie. Paul, der Traumwortdieb, schläft nie, und er träumt nie. Er befindet sich in einem Übergangsbereich des Gedankenkontinuums, das ihm immerwährende Wachheit gewährt. Paul bewegt sich lautlos durch die Traumtore der Träumenden. Jedes Tor führt in eine eigene Traumwelt.

Die Geräusche, Gefühle oder Gerüche, die ein Träumender träumt, sind für Paul nicht interessant. Er fängt nur die geträumten Worte ein, die in den unzähligen Traumwelten geträumt werden. Jeder Träumende trägt seine eigene Traumwelt in sich, trägt sein eigenes, unsichtbares Traumkleid mit sich. Eine Illusion seines Bewusstseins, in der es weder Vergangenheit, noch Gegenwart oder Zukunft gibt. Alle Zeit ist Eins im Traum.

Sprachlose, wortlose Träume lassen Paul unsicher, ja vorsichtig werden. Die Lautlosigkeit in diesen Wortleerträumen erschreckt ihn und er muss sich zurückziehen. Wortlose Träume fallen in die Stille hinein und bleiben für immer darin gefangen, wie in einer Mausefalle. Paul würde von der Unendlichkeit verschlungen werden, würde er sich einem gefangenen Traum nähern.

Paul ist einer von vielen Traummännern und Traumfrauen, die Worte, Gefühle oder Bilder einfangen. Wer die anderen Traumdiebe sind, das weiß er nicht. Er ist keinem von ihnen jemals begegnet. Wer ein Traumdieb werden will, benötigt weder Ausbildung noch Studium, sondern eine besondere Gabe. Zu einem Traumdieb wird, wer einem Kind dreimal aufmerksam zuhört und ihm aufrichtig Glauben schenkt, das ihm drei seiner Träume erzählt.

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2 Kommentare zu „Traumdiebe

  1. Eine schöne Erklärung für das Vergessen von Träumen. Märchenhaft, mystisch und doch gar nicht so unwahrscheinlich. Die Traumwelt(en) sind voller Rätsel und Möglichkeiten: Traumdiebe…
    Ein schöner Text, der mich fasziniert, genauso wie das Thema „Traum“ selbst.

    Liebe Grüße aus dem Gedankenarchiv

    Gefällt 1 Person

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